Willkommen auf der Insel des Ikarus – ein Reisebericht

Willkommen auf der Insel des Ikarus – ein Reisebericht 2016-12-13T04:35:43+00:00

Gerade bin ich aus Ikaria zurückgekommen. Für eine geplante Arbeit wollte ich zusammen mit meinem Mann bisher unbekannte Orte und Aspekte meiner Lieblingsinsel erkunden. Wegen der Krise im allgemeinen, aber besonders wegen der vielen negativen Berichte über Deutschland in griechischen Zeitungen hatte ich dieses Mal vor der Reise tatsächlich Bedenken, ob das Verhältnis zwischen Griechen und Deutschen wirklich so vergiftet ist und ich fragte mich, wie die Begegnungen mit den Ikarioten wohl verlaufen würden.

Willkommen auf der Insel des Ikaros
Zu meiner großen Freude war alles wie immer! Alle ohne Ausnahme waren sehr freundlich, hilfsbereit, gastfreundlich, interessiert, herzlich, unkompliziert. Es gab keine Missverständnisse, keine einzige befremdliche Situation. Erstaunt hat uns aber, dass fast immer – wenn geklärt war, dass wir Deutsche sind – der spontane Ausruf ,,aah, Angela Merkel!“kam, sehr oft mit dem Zusatz: ,,das ist aber eine strenge Frau“, einmal wurde sie sogar als ,,gefährliche“Frau bezeichnet. Ein alter Mann in Manganitis machte den Vorschlag, Angela sollte doch zu ihnen ins Dorf kommen! Auf unsere Frage, was sie wohl dort erleben würde, antwortete er: ,,sie soll sehen, wie es uns geht, ich möchte mit ihr sprechen und mit ihr tanzen und ihr sagen, dass das Leben nicht nur aus Arbeit besteht“. Wir fanden diese Vorstellung erheiternd, aber auch sehr berührend!

Sehr oft hörten wir bei Begegnungen die philosophische Feststellung: ,,Ihr seid Deutsche, wir sind Griechen – aber wir sind gleich – weil wir Menschen sind…“. Das bestätigten wir natürlich jedes Mal sehr gerne.

In Griechenland ist eine ganz wichtige Sache anders als bei uns: Politik/Staat und Volk sind getrennt, es hat sich nie die Vorstellung entwickelt, dass das eine Einheit ist. Jeder kämpft zuerst für sich, das ist ein altes kulturelles Erbe. Den gewaltigen Schuldenberg haben die unverantwortlichen und korrupten Politiker angehäuft, die einfachen Leute haben damit nichts zu tun. Umgekehrt ist diese typische Einstellung der Grund dafür, dass es kaum negative Gefühle oder gar Ablehnung gegen einzelne Deutsche gibt – bei den schlimmen Äußerungen oder Karikaturen ist immer die deutsche Politik gemeint.

Wir haben die Ursprünglichkeit dieser vielfältigen Insel sehr genossen und wir wollen versuchen, viele Inspirationen in unseren Alltag hinüberzuretten. Athen mag in diesen Zeiten ,,nervös“sein, aber es gibt keinen Grund, nicht nach Ikaria zu reisen!

 

Geschrieben von Martha Walter, München

,,Seit vielen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Griechenland. Meine besondere Liebe gilt der Rebetikomusik, dem Traditionellen Tanz, der Sprache. Zu meinem Griechenlandmosaik gehört auch die Volkskunde, die Mentalität, die Geschichte und der Mythos. Für mich gehören all diese Aspekte zusammen, denn sie helfen mir dabei, eine fremde Kultur besser verstehen zu können. Mit meiner Familie habe ich im Urlaub schon viele griechische Inseln bereist, aber zu Ikaria habe ich eine ganz andere, sehr enge Beziehung. Die starke Zuneigung begann, als ich 1997 zum ersten Mal auf die Insel kam, um in der dortigen Schule „Ikarian Center“einen zweiwöchigen Griechischkurs zu besuchen. Seitdem hat Ikaria mich nie mehr losgelassen… ,,

Fotos von Martha Walter. An der Hafenmole von Ag. Kyrikos steht neben der Ikarus-Skulptur: „Willkommen auf der Insel des Ikarus“

Dir gefällt was Du gelesen hast und Du willst nichts verpassen?

Erhalte alle updates und Neuigkeiten direkt per Newsletter.
Ja gerne! Ich bin dabei!

4 Kommentare

  1. Oskar Senn 05/06/2012 um 18:15 Uhr- Antworten

    Liebe Martha Walter, ganz herzlichen Dank für diesen Reisebericht. Ich kann mich nur noch anschliessen an all das ausgesprochene. Ich bin zwar Schweizer, aber nichts desto Trotz, wir sind doch eine Weltgemeinschaft! Im Gespräch mit meinen Griechischen Freunden erwähnte ich oft, dass die sog. Troika sich mit dem normalen Volk mal beschäftigen sollte. Schickt einen auf die Strasse von Athen, einen nach Saloniki und dem Dritten gebt ein Paddelboot und schickt ihn in die Ägäis !! Mir ging es ganz ähnlich, ich kenne bald alle Inseln in der Ägäis, aber seit ich Ikaria betreten habe – um bei Ursula zu tanzen, was ich schon über 20 Jahre mache – ist Ikaria ‚meine Insel‘ und sie wird es bleiben !! Ich durfte im Dezember Griechenland in einer speziellen Sache kennen lernen, also nicht von der Hotelterrasse aus, ich werde das nie mehr vergessen !!
    Also Leute auf nach Ikaria und Lebensenergie tanken.

  2. Isabella Müllenbach 06/06/2012 um 18:17 Uhr- Antworten

    Liebe Martha
    Dein Bericht bestätigt, was ich im April/Mai erlebte, die ich an der Südwestküste Kreta’s verbrachte. Viele der Einheimischen haben in ihren Familien Angehörige durch die Besetzung der Deutschen am Ende des 2. WK durch grausames Morden verloren. Diejenigen, die Ressentiments gegen Deutsche haben, hatten sie bereits vor der gewaltigen Krise und sind jedoch völlig entsetzt über die griechische “Chrisi Avgi”- Partei, die auch auf Kreta Anhänger hat und deren nazinahe Parteiformel erschaudern lässt. Sie können diese Bewegung überhaupt nicht mehr einordnen und haben Angst vor diesen eigenen Landsleuten.
    Die Bevölkerung hiess uns überall herzlich willkommen, die Menschen sind hilfsbereit, geben sich riesig Mühe, damit sich die Gäste wohlfühlen und sind zu Tränen gerührt, wenn wir ihre Kultur mit ihnen teilen. Letzteres erlebten wir am 1. Mai unter dem schützenden Dach einer uralten Platane inmitten freier Natur, wo wir mit meinem Freund und Musiker, Papa Stefanis, auf eine Parea aus Rethymnon trafen, die sich bereits diesen wunderbaren Ort ausgesucht hatte. Uns wurde zu essen und zu trinken angeboten und schon bald begannen Papa Stefanis mit Mandoline und 2 Männer der anderen Parea zu singen und wir mit deren Angehörigen zu tanzen. Die noch jüngere Frau, die mich nach unserer Herkunft und Liebe zum griechischen Tanz befragte, brach in Tränen aus und bedankte sich dafür, dass wir ihre Insel trotz der schweren Zeit noch besuchen kommen und ihrer Musik- und Tanztradition so viel Ehre und Respekt erweisen. Wir verabschiedeten uns mit inniger Umarmung.
    Liebe Grüsse
    Isabella

  3. Kathia 14/06/2012 um 18:20 Uhr- Antworten

    Danke für das Herzblut, dass ihr hier in die Seite steckt! Ich möchte Ende Juli mit zwei Freundinnen und einem uralten Auto die Adria hinab bis nach Griechenland fahren und das Land erkunden: Ist ein Roadtrip durch Griechenland zur Zeit eine gute Idee? Das mediengenerierte Bild von ansteigender Gewalt, bewaffneten Raubüberfällen und ,Zuständen wie in der Weimarer Republik‘ (NZZ) bezüglich Rechtsradikalismus scheint mir nicht so verlässlich. Ich wäre daher um eine ehrliche Einschätzung dankbar. Wir sind drei Studentinnen, sprechen kein Griechisch (verstehen ein bisschen etwas dank altphilologischer Grundbildung), sind aber reiseerfahren, offen und auch auf Diebstäle und ‚einfache‘ Kleinkriminalität (sozusagen auf dem Niveau Neapels) eingestellt und gewappnet.

    • Ursula 16/06/2012 um 18:21 Uhr- Antworten

      Liebe Katja
      Ich denke eine Reise im Auto ist kein Problem, es ist genauso ungefährlich wie vor der Krise auch, wenn man sich an einige Verhaltensweisen, welche aber generell für den Süden und nicht nur für Griechenland im Besonderen gelten, haltet.
      Ich würde empfehlen, dass ihr euch an die bewohnten Gebiete haltet, euch unauffällig verhaltet, dezente Kleidung, besonders auf dem Land, bevorzugt, nachts nicht alleine unterwegs seid etc.. Ausserdem würde ich nachts nicht im Auto oder Zelt irgendwo wild campieren, sondern immer eine kleine Pension oder ,,Rooms to let”aufsuchen, so habt ihr sofort Anschluss an die Bevölkerung und deren Schutz und Unterstützung ist euch sicher.
      Viel Spass und ich würde mich sehr freuen, von euch zu lesen, wie es euch ergangen ist und was ihr spannendes erlebt habt!!!!
      Herzliche Grüsse aus Ikaria
      Ursula

Hinterlassen Sie einen Kommentar