Pfui! Schäm dich!

Ich finde es schon recht schwierig zu erklären, was die Krise für uns bedeutet. Diese weit verbreitete Griechen=unreifepubertierendefaulePartysäckeaufunsereKosten-Haltung finde ich einfach unglaublich arrogant und dumm. Genauso wie die erhobener Zeigefinger Aussage zu säuerlicher Miene: „Wer Schulden macht, muss sie zurückzahlen!“ Griechenland wird als der Inbegriff von Korruption, Schlendrian und Faulheit dargestellt. Schon das Wort Schuld impliziert: „Pfui! Schäm dich!“

I´ll stay!


Wenn ich erzähle: „Meine Kinder haben im Winter keine Heizung in ihrer Schule, weil das Geld für Heizöl fehlt.“ Dann schauen mich erst mal alle stutzig an.

„Wie meinst du das?“ Ich frage mich dann, welches Wort war wohl unverständlich? Und ich entgegne geduldig, so etwa wie man einem Kind einen komplizierten Sachverhalt erklärt: „Die Kinder sitzen mit Handschuhen und Winterjacke im Klassenzimmer, weil die Heizungen aus sind, weil die Regierung kein Geld für Heizöl bereitstellt, weil sie sparen.“

Ich versuche im Tonfall ganz sachlich zu bleiben, obwohl ich genau weiss was jetzt kommt: „Ihr wisst doch gar nicht was Winter heisst! Bei euch schneit es ja nicht einmal!“ Wobei der Fokus auf „Jööö!! (deut. Ach-wie-süss!!) Bei den Griechen fiserlets einmal (deut. fallen-vereinzelt-ein-paar-Schneeflocken) und schon meinen sie, der grosse Wintereinbruch käme! Die haben doch keine Ahnung!“ anstatt auf „Was? Ungeheizte Klassenräume! Die armen Kinder!“ liegt. Unglaublich!

Eigentlich sollte jeder der so spricht, eine Wintergriechenlandreise als Horizonterweiterung verordnet bekommen.

Bei uns schneit es sehr wohl! Aber auch sonst kann ich dir versichern, ich habe noch nie so gefroren in meinem Leben, wie hier in Ikaria. (Ich versuche wieder im Tonfall sachlich zu bleiben) Auch wenn die Temperaturen selten unter null fallen, die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass alles feucht und klamm ist, ob das nun Bettwäsche oder die Kleider im Schrank betrifft. Und natürlich sind die Häuser, wie überall im Süden, schlecht isoliert.

Bei uns in Raches ist die einzige Schule, welche in den Bergen liegt und nicht in einem Küstendörfchen in Meer nähe. Deshalb ist heizen unerlässlich. Oder könntest du dir vorstellen, von 8:30 bis 14:30 Uhr, am Stück, an einem Schulpult mit klammen Fingern Matheaufgaben zu lösen und Aufsätze zu schreiben? Aluminiumfenster (natürlich einfach verglast) und Aluminiumtüren, unter deinen Sportschuhen eiskalte Plättchen Böden!

Oder könntest du dir vorstellen, in solch einer Schule zu unterrichten und die Schüler irgendwie bei der Stange zu halten? Denn es ist ja nicht so, dass nach ein zwei Tagen Zähne zusammenbeißen, der Sommer kommt. Der Winter dauert.

Meine Schwiegermama ist rüstige 91 Jahre alt und eine zierliche Person. Sie lebt alleine in ihrer Zweizimmerwohnung in der Nähe der Dorfbäckerei. Sie bekommt eine Rente von 300€ im Monat. Ja richtig gelesen dreihundert. Heizöl kostet einen Euro fünfzig der Liter in Ikaria.

Wieder grosse Augen. „Wie meinst du das?“ Hier auf den abgelegenen Inseln ist alles teurer, der hohen Transportkosten wegen.

Da meine Schwiegermama, wie die meisten hier, unter der Armutsgrenze lebt, hat sie seit neuestem einen staatlichen Heizkostenzuschuss zugute. Sie solle einfach ihre Bankdaten angeben, damit eine Überweisung gemacht werden könne, so die Information der zuständigen Stelle. Meine Schwiegermama vefügt aber über kein Bankkonto. Ihre kleine Rente erhält sie über die Post. Ich rufe bei der Bank in der Hauptstadt an. Ein Konto könne nur sie persönlich eröffnen, werde ich informiert. Ich erkläre die Situation, keine Vollmacht möglich, kein Erbarmen. Wie meinen die das? Denke ich.

Ein Bankkonto eröffnen, bedeutet eine zweistündige Autofahrt in die Hauptstadt zur nächsten Bank. Denn für solch wichtige Angelegenheiten muss es der Hauptsitz der Bank in Agios Kyrikos sein.

Meine Schwiegermama hat Osteoporose und Schwindelanfälle. Eine Fahrt zur Bank nach Agios Kyrikos, quer über die Berge auf der löcherige Serpentinenstraße, ist für sie, welche ungern in Autos steigt, eine reine Tortur. Das letzte Mal vor einigen Jahren, als ich mit ihr zum Krankenhaus gefahren bin, mussten wir alle paar Meter anhalten, weil sie sich übergeben musste und ich fürchtete schon, sie würde ohnmächtig werden, wegen der vielen Brechanfälle. Eine Qual, welche ich ihr unmöglich zumuten kann.

Sie verlässt ihr Haus nur sehr ungern. Aber wenn es so richtig kalt wird, dann holen wir sie zu uns, denn ihre Toilette ist außerhalb des Hauses und wir befürchten, dass sie auf der glitschigen Steintreppe ausrutschen könnte. Wir haben einen Kamin zuhause und genug Brennholz, also immer schön warm und gemütlich.

Sie war Bauersfrau und hat ihr Leben lang hart gearbeitet und links gewählt. Sie hat nie Schulden gemacht, nicht mal bei den Nachbarn. Von Party kann sowieso nicht die Rede sein, aber von Schuld, pfui schäm dich, auch nicht.

Was die Schulkinder im unbeheizten Schulhaus von Raches bezüglich Party mit fremden Geldern oder Schulden betrifft…

All we are saying is GIVE GREECE A CHANCE

Die Bilder sind aus dem Facebook. Ich habe zwar recherchiert, konnte aber die Urheberrechte nicht zurückverfolgen, keine Ahnung. Wenn du also rechtmässige Ansprüche auf eines der Bilder hast, melde dich bei mir und ich nenne gerne deinen Namen.

Wir sammeln übrigens weiterhin Spendengelder für Heizöl für die Schulen. Du kannst deine Solidarität gerne durch eine kleine Spende zeigen! Spendenkonten

Mein Filmtipp:

„Macht ohne Kontrolle. Die Troika“
Um ihre Notkredite zu erhalten, mussten sich die Krisenstaaten der Eurozone den Vorgaben Beamter beugen, die keinerlei parlamentarischer Kontrolle unterliegen: der Troika. Rekrutiert aus den Institutionen IWF, EZB und Europäischer Kommission forderten sie Einsparungen in verheerendem Ausmaß. Doch die positiven  Auswirkungen der Sparpolitik blieben für die meisten aus.

Film von Harald Schumann, auf ARTE. Der Dokumentarfilm zeigt die Arbeit der TROIKA und deren soziale Folgen vor allem am Beispiel von Griechenland, aber auch von Irland, Portugal und Zypern.

Wer die Sendung verpasst hat, kann sie hier anschauen. Unheimlich was in Europa hinter verschlossenen Türen abgeht! Hervorragende Recherche von Harald Schumann!
Diese Doku solltest du auf jeden Fall ansehen!!!

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2016-12-13T04:35:52+00:00 Februar 24th, 2015|14 Kommentare

14 Kommentare

  1. Michael 24/02/2015 um 18:46 Uhr - Antworten

    Mit großer Sympathie haben ich den Artikel Pfui! Schäm dich! gelesen. Ich hoffe sehr, daß die Syriza Regierung nicht vollkommen einknicken wird und zumindest Teile ihrer wirtschaftspolitischen Ideen umsetzen kann. Unter zahlreichen Wirtschaftswissenschaftlern ist die ausgeprägte EU Austeritätspolitik sehr umstritten, diese Vorbehalte gegen das verordnete „Kaputtsparen“ eines Staates (insbesondere die negative Auswirkungen auf die Menschen) haben sich bisher aber politisch leider noch nicht durchgesetzt. Ich votiere für faire Chancen für die Menschen in Griechenland, give Greece a chance!

    • Ursula 25/02/2015 um 17:26 Uhr - Antworten

      Michael danke für deinen Kommentar! Hoffen wir das Beste! LG Ursula

  2. Bianca 24/02/2015 um 21:49 Uhr - Antworten

    Hallo Ursula, wir schreiben Dir das erste Mal. Wir sind weder auf Facebook, noch müssen wir überall unseren Kommentar hinterlassen. Dein oben stehender Bericht ist für uns nichts Neues – er wäre für sehr viele „Mitteleuropäer“, wie ich finde sehr lehrreich – leider werden diese einseitig informierten Menschen, solche Berichte in Deutschland nur sehr selten zu lesen bekommen. Wir kennen Ikaria seit vielen Jahren und kommen immer wieder mal bei Jannis und Evgenia „vorbei“, denn unsere Freunde sind auf Samos. Alles Gute für Euch. Eines Tages lernen wir Dich hoffentlich kennen. Raches und Ikaria ist im Sommer einfach umwerfend – im Winter kennen wir nur Nordgriechenland. PS: Danke für deinen Dokotip auf Arte heute abend, den werden wir uns ansehen. Viele Grüsse aus Deutschland

    • Ursula 25/02/2015 um 17:24 Uhr - Antworten

      Danke für eure Worte! Besucht mich in meinem Laden, ich würde mich freuen! Wer den Film „Macht ohne Kontrolle – Die Troika“ auf ARTE verpasst hat, kann ihn auf Youtube ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=E6aNwBwEm6U Liebe Grüsse, Ursula

  3. Holger Dohnt 25/02/2015 um 13:02 Uhr - Antworten

    Liebe Ursula, ich bin immer total gespannt, wenn ich sehe, dass du zur aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage schreibst. Weil ich wissen möchte, wie Menschen, die vor Ort leben, die Lage sehen. Menschen, die meine Sprache sprechen, womit Übersetzungsfehler, ob gewollt oder unbewußt, ausgeschlossen sind! Dein erster Satz in dem Artikel ist bemerkenswert….und natürlich der Rest auch und die Botschaft ist verstanden. Meine eigene Befindlichkeit: Ich könnt kotzen (sorry), wenn ich die abertausenden Anti-Griechen-Kommentare an deutschen Stammtischen höre und das Geschmiere in den (deutschen) Internetforen lese. Der deutsche Michel gehorcht ! Die Herren (und es werden wohl nur Männer sein) in den sogenannten Finanzmärkten reiben sich die Hände. Besser kann Propaganda nicht funktionieren! Es geht nur um möglichst ungestörte Kapitalverwertungsinteressen einiger weniger. Aber Merkel, Schäuble verkaufen ihre Politik als notwendig für Europa und beschwören die Einhaltung von irgendwelchen (wessen?) Regeln. Dagegen hat erstmals wieder seit langer, langer Zeit ein Regierungschef ein soziales und solidarisches Europa als zentrale Leit-Idee gefordert. Ich bewundere Tsipras dafür. Und natürlich: Give Greece a chance! Aber an wen ist das jetzt gerichtet? An alle um Griechenland herum? Meine eigentliche -und ganz ernst gemeinte- Frage an Dich, liebe Ursula, ist: Aus Deiner Erfahrung und Deinem Erleben vor Ort: Gibt es auch hausgemachte Ursachen der aktuellen Krise und wenn ja, welche sind wohl die wichtigsten? Schreib doch mal. Liebe Grüße aus dem Norden, Holger D.

    • Ursula 25/02/2015 um 17:34 Uhr - Antworten

      Ja Holger, natürlich hast du recht. Zu einem Streit braucht es immer zwei. Dieser „dichte Filz zwischen Politik und Wirtschaft“ existiert natürlich real und leider muss ich zugeben, dass es auch in den untersten Reihen der Gesellschaft viele gibt, die auf die eine oder andere Weise davon profitieren. Ich werde demnächst mal darüber schreiben, danke für den Tipp. LG Ursula

  4. Kirsten Grimm 25/02/2015 um 15:39 Uhr - Antworten

    Liebe Ursula, du sprichst mir aus der Seele. Nach anfänglicher Ohnmacht, kommt jetzt eine Wut und ein Umdenken, auch hier in Deutschland in Gang: z.B. der Film »Wer rettet wen« entstand als »Film von unten« – finanziert von denen, die ihn sehen wollten, die ihn zeigen wollten, und die Film als wichtiges Hilfsmittel zur Aufklärung sehen. Im Februar wird »Wer rettet Wen?« in mindestens 150 europäischen Städten Premiere feiern. In Bremen war das Kino jedenfalls voll!! Nie ging es um die Rettung der Griechen, oder Portugiesen oder Spanier. “ Stets geht es um das Wohl der Hauptverdiener an diesen Krisen: den mit hochriskanten Spekulationen engagierten Banken. Den Steuerzahlern und sozial Benachteiligten hingegen werden bis heute milliardenschwere Risiken zugemutet. Für große Banken ist die Finanzkrise dagegen vor allem ein Geschäftsmodell…“ Ich möchte in dem Zusammenhang auch noch einmal auf unsere Spendenaktion „Heizöl für die Schulen in Rahes“ hinweisen. Eine ganz direkte Hilfe für Ikaria!!!!!

    • Ursula 25/02/2015 um 17:38 Uhr - Antworten

      Danke Kirsten, den Film würde ich auch gerne sehen! Wenn er irgendwo online ist, schreib mir bitte! Wer den Film “Macht ohne Kontrolle – Die Troika” auf ARTE verpasst hat, kann ihn auf Youtube ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=E6aNwBwEm6U Liebe Grüsse, Ursula

  5. Walter Trottmann 26/02/2015 um 10:50 Uhr - Antworten

    Liebe Ursula, Dein Bericht “Pfui schäme dich“ hat uns aufgewühlt. Wir haben Mokulla (habe ich den Namen richtig geschrieben?) vor einigen Jahren kennengelernt. Und was es heisst, bei 10°C in einem kalten Raum zu arbeiten, habe ich zur Genüge in den Bunkern der Festung Sargans erlebt. Wir leiden mit, Worte allein genügen nicht, also wird wieder Geld kommen. Liebe Grüsse und alles Gute
    Helene und Walti Trottmann

    • Ursula 26/02/2015 um 18:38 Uhr - Antworten

      Danke Walti und Helen! Ich habe so viele solidarische Zuschriften erhalten, das maht doch Mut! Herzliche Grüsse aus Ikaria, Ursula

  6. Oskar Senn 13/03/2015 um 18:31 Uhr - Antworten

    Liebe Ursula, ja ich kann nur empfehlen, mal Ikaria über Weihnachten / Neujahr u besuchen. Ich hatte die Möglichkeit. Schon seit Jahren sage ich, man sollte die Herren der Troika mal unters Volk mischen. Einer in Athen, einer in Saloniki und dem Dritten ein Paddelboot unters Fudi drücken um in der Ägäis die Leute zu befragen wie es so geht !! Schlimm ist nur, dass man wegen Schäuble/Merkel alle Deutschen in den gleichen Topf wirft – wie bei den Griechen. Dabei sind im Kohlen-pott grosse Teile der Bevölkerung nicht mehr in der Lage das Gas oder Heizöl zu bezahlen. Aber es ist schon so wie Holger schreibt. Es ist eine Bankenmafia die sich selbst ‚bewirtschaftet‘ und dabei fette Gewinne einstreicht.
    Give Greece a chance und Tsipras und seinem Finanzminister genügend Durchhaltevermögen!!. Aus all diesen Gründen haben wir – Du Ursula, Kirsten und ich ein Spezialkonto eröffnet um helfend einzugreifen. Und mögen die Griechischen Götter mithelfen. Liebe Grüsse und bis Sonntag in Basel Oskar Senn – Münchenstein CH

  7. Wiebke 05/08/2015 um 18:45 Uhr - Antworten

    Ich glaubem es gibt genügend Leute mittlerweile in Europa, die große Sympathien für Gr haben. Ich habe, wo immer möglich, für die neue Regierung geworben, aber die hetzerische Pressekampagne in D war erschreckend und hat mich an die Propagandalügen zweifer früherer deutscher Staaten erinnert. Wo so viel gelogen und manipuliert wird, sind schwere Interessen im Spiel, die alle in Europa betreffen. Nicht nur Gr. Es scheint, als haben einige in Frankreich, Italien und Spanien das inzwischen sehr wohl verstanden. Es gibt ein ganz interssantes STERN-Interview mit Varoufakis seit kurzem, was eiin erhellendes Licht sowohl auf SChäuble als auch auf den Kasperle Dietmar Gabriel wirft. http://www.stern.de/sonst/vorabmeldungen/ex-finanzminister-varoufakis-im-stern–ich-dachte-an-die-einfuehrung-einer-parallelwaehrung-in-griechenland-6362560.html

  8. Diet 09/02/2016 um 16:21 Uhr - Antworten

    Sogar Merkel hat sich zu dem dummen Spruch hinreißen lassen, die Griechen sollten weniger feiern und mehr arbeiten. Eine bodenlose Frechheit, dazu auch noch falsch. Unter all den Ländern die zur OECD gehören arbeiteten die Griechen am drittmeisten. Siehe http://data.oecd.org/emp/hours-worked.htm. Weiter sagen. Diet

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