Ich habe per Zufall eine interessante Ikaria-Reportage von GZ-Autor Hubert Eichheim in der Griechenlandzeitung gefunden.

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Ikaria ist eine eigentümliche, mit Naturschönheiten best ausgestattete Insel. Brauchtum, Musik, Lieder und Tänze haben einen unverwechselbaren Charakter und die Mundart enthält heute noch Wörter, die aus der Antike hinüber gerettet worden sind. Die Wirtschaftskrise hinterlässt auch hier ihre Spuren, aber sie kann den Bewohnern die Lust am Feiern nicht vergraulen.

Ikaria ist reich an Wasser. Vor allem an den weniger steilen Berghängen der Nordseite der Insel sprudeln zahlreiche Rinnsale, bilden Stauseen und lassen sprießen, was die fruchtbare Erde hergibt.

Riesige Platanen, kräftige Eichen, Kastanienbäume mit ihren stacheligen Früchten, hohe Olivenbäume und dann vor allem alle Arten von Obst, die hier gedeihen: Aprikosen, Pfirsiche, Sauerkirschen und Mirabellen. Die Ikarioten kochten tonnenweise Marmelade und Löffelsüßigkeiten ein. Aber nur für ihre Familien.
Besonders üppig sind die wasserhaltigen Talfurchen bei Raches im Westen und bei Messaria in der Mitte der Insel. Sieben Dörfer ziehen sich in Messaria hinauf bis auf 800 Höhenmeter. Deren auseinander stehende Häuser sind eingebettet in die überwältigende Vegetation, aus der nicht nur die Gerüche, sondern auch die Geräusche der von den Bauern gehaltenen Tiere dringen: Kühe, Esel, Hühner, bellende Hunde, Schweine, Pferde (der neueste Trend) und vor allem Ziegen und immer wieder Ziegen, unten in den Tälern an einem kurzen Seil am Fuß angebunden, oben in den Bergen als Wildziegen, die frei herumlaufen, bis sie für die Feste eingefangen werden, in den Kesseln einer Gemeinschaftsküche oder im Restaurant Phlisphos im Hafenort Evdilos als köstliche Spezialität landen.
Die alten Steinhäuser mit schmalen hohen Fenstern und schweren Schieferplatten als Dach verstecken sich meist hinter der üppigen Vegetation, vor sich einen einladenden und schattigen Vorhof, der im Sommer ein Leben im Freien ermöglicht. An den Straßen und rund um den Kern der Dörfer herum wurden in den vergangenen Jahren viele der Häuser aufwändig und bisweilen geschmacklos restauriert. Wo der Zugang mit dem Auto nicht möglich ist, stehen sie meist unbewohnt und verfallen allmählich. Dann werden sie Opfer der Grafittisprüher, die ihre Parolen überall hinterlassen, wo sich eine größere Wand anbietet. An einem dieser Ruinen entdeckte ich fünffach das mit einer Schablone aufgetragene Emblem der PASOK. Darunter hatte jemand mit dem Pinsel das Wort „Siemens“ gemalt, und wieder ein anderer hat weißen Kalk darüber gestrichen. Die Botschaft kommt trotzdem an.

Ein unverwechselbarer Charakter

Ikaria war wegen seiner topographischen Beschaffenheit mit seinen im Süden steil abfallenden Gebirgen und im Norden fehlenden Buchten für eine etwaige Landung von Piraten und kriegerischen Nachbarn nie von seiner autochthonen Bevölkerung leer geräumt worden wie etwa Samos und viele andere Inseln. Das hatte zur Folge, dass Sprache – die Mundart enthält heute noch Wörter, die aus der Antike hinüber gerettet worden waren –, Brauchtum, Musik, Lieder und Tänze einen unverwechselbaren Charakter haben. Offensichtlich auch der Lebensrhythmus. Ich kenne keinen Menschenschlag, der sich so langsam bewegt und völlig andere Zeitvorstellungen hat wie die ikariotischen Bewohner, die im Sommer erst nach 20 Uhr zu leben beginnen und dann aber bis weit nach Mitternacht ihren Geschäften oder dem Vergnügen nachgehen. Vor 20.30 Uhr hat es keinen Sinn, in den Dörfern oben auf den Bergen einen geöffneten Laden zu suchen.

Lebensfreude und Langlebigkeit

Allerdings darf man nachts keine Ruhe erwarten. Bis in den Morgen hinein wird das Ohr des Besuchers umschmeichelt oder belästigt von den Weisen des Ikariotiko, der die Dorf- und Kirchenfeste der Insulaner begleitet, die in den Sommermonaten beinahe jeden Tag woanders gefeiert werden. Der Ikariotiko wird von einer Geige als Melodieträger und einer Laute für den Rhythmus gespielt und beruht auf einem gleichmäßig fortschreitenden Rhythmus, der nach jedem Takt mit einer schnellen Schrittfolge, ganz ohne Heftigkeit aufgelöst wird. Trotz oder wegen der Krise hatten diese Feste in letzter Zeit mehr Zulauf als je zuvor. Ob jung oder alt, beinahe jeder Ikariote beherrscht diesen ziemlich komplizierten  Reigentanz.  Die Dorffeste erreichen ihren Höhepunkt erst weit nach Mitternacht und enden nicht vor 9 Uhr morgens. Vor etwa vier Jahren erlebte ich auf einem Dorfplatz eine Hochzeit, die mit einer Trauergemeinde zusammenstieß. Während die Trauergäste mit hängenden Gesichtern ihren Trostkaffee nippten, tanzte daneben die Hochzeitsgesellschaft fröhlich, wenn auch ermattet den Ikariotiko. Vielleicht ist diese Sinnenfreude auch dafür verantwortlich, dass die Bewohner dieser Insel im Schnitt älter werden als alle anderen Europäer. Der amerikanische Sender CNN hat berichtet, dass eine Untersuchung ergeben hat, dass auf Ikaria 120 Personen mit über 90 Jahren leben. Das ergibt mit 1,5 % einen  weitaus höheren Durchschnitt als irgendwo anders – nicht nur in Europa.

Insel der Schakale

Vielleicht ist es zweihundert Jahre her, dass Piraten, die nach Ikaria eingefallen waren, einen Jungen vergessen hatten. Einheimische fanden ihn nach Wochen verwildert und hungrig. Sie nahmen ihn auf und gaben ihm den Namen Tsakalias (der Schakal). Im Kafenion von Akamatra oder im Café Tourva in Evdilos sieht man in den Sommermonaten täglich einen Mann sitzen, der durch sein langes offen getragenes graues Haar auffällt, Argyris Tsakalias. Vor fünfzig Jahren  hat er sich zusammen mit dem Patriarchen Bartholomäos auf ein hohes Amt in der griechisch-orthodoxen Kirche vorbereitet, dann kam der Bruch mit der Kirche. Er heiratete, zeugte drei Kinder, darunter die schöne Tochter Elektra, die bisweilen in Fernsehserien auftritt. Die Ehe ging in die Brüche. Argyris wurde ein glühender Vertreter des Anarchismus. Im Athener Künstlerviertel Exarchia führt er eine Buchhandlung mit einschlägiger Literatur. Argyris hat eine Schwester, namens Moshula, die mit dem Priester Xiros verheiratet ist. Sie haben zusammen 11 Kinder zur Welt gebracht.
Drei von ihnen kamen ins Korydallos-Gefängnis, um eine lebenslange Strafe zu verbüßen. Sie waren Mitglieder der Terrororganisation „17. November“, die 21 Menschen ermordet hat. Ich fragte den ehemaligen Bürgermeister von Akamatra, ob denn niemand etwas von dem Treiben der drei Brüder wusste. „Natürlich wussten wir, dass sie extremistische Linke waren. Doch von der Sorte hatten wir immer schon alle Varianten auf Ikaria. Wir wussten, wie sie dachten, aber nicht, wie sie handelten.“ Viele junge Griechen wallfahren heute nach Akamatra wegen der Xiros-Brüder. Christodoulos Xiros kehrte Ende 2013 nicht aus einem Hafturlaub zurück und ist seither untergetaucht.

Hubert Eichheim (Griechenland Zeitung)

Im zweiten Teil unserer Ikaria-Reportage von GZ-Autor Hubert Eichheim erfahren die Leserinnen und Leser u. a. etwas vom undurchdringlichen Wald von Ranti, dem zauberhaften Pramnios-Wein, den schon Homer erwähnte, und von den politischen Besonderheiten der Insel.

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