Auszeit in Ikaria: Über zwei, die sich trauten…

Wir haben uns getraut!   Nein, nein.   Ich meine nicht die Nummer mit dem Ja-Wort, damals vor 19 Jahren an diesem herrlichen, sonnig-klaren Herbsttag vor dem Standesamt Hamburg-Altona. Nein, die Rede ist vom 7. April 2012, an dem wir mit dem ollen Opel Astra die Reise nach Griechenland antraten. Griechenland !! Im Frühjahr 2012!! In das vermeintliche Zentrum der ebenso vermeintlichen Krise Europas.

Ich geb es zu: ja, uns war ganz schön mulmig zumute. Nicht wegen der TV-Bilder von brennenden Deutschlandfahnen auf dem Syntagma Platz oder wegen der Bundesmerkel in Naziuniform. Man ist ja nicht doof und weiß, worum es geht im Nachrichtengeschäft:  um Interessen, um Propaganda, um Unterhaltung und nur vielleicht   -wenn es passt-   auch um Information. Besorgt waren wir wegen der Geschichten über die im griechischen Alltag angeblich um sich greifende antideutsche Stimmung oder besser die Stimmung gegen die Deutschen im Land.

Schließlich sollte die lang geplante mehrmonatige Auszeit auf Ikaria einer der Höhepunkte unserer ganz persönlichen 50-er Jahre werden. Und dann das: Deutschen-bashing in greece!? Und womöglich noch mit uns, wo wir doch kaum die 1,70 m an Körpergröße überschreiten und immer so stille-freundlich sind ?

Kaum hatten wir für das nette Häuschen mit Meerblick in Gialiskari zugesagt, flogen sie uns regelrecht an,   die Schauergeschichten. Jeden Tag eine neue. Fast so als hätten sie sich verabredet, die Geschichtenerzähler, bei uns hinterm Deich, um es den Flachlandtirolern jetzt endgültig auszutreiben, ihren Ikaria-Fimmel.  Erst kam die Geschichte vom dem Deutschen mit Häuschen auf Skiros und den wüsten Schimpfkanonaden, die dieser tagtäglich über sich ergehen lassen musste, wegen der Griechenlandpolitik der Bundesregierung (na ja…).

Dann die von dem in Attika lebenden Deutschen, der nun zurückkehre, weil es im Alltag nicht mehr auszuhalten sei (wie jetzt?). Dann berichtete unsere Nachbarin von ihrer seit zehn Jahren auf Kreta lebenden deutschen Freundin mit Olivenpresse, die nun regelrecht geschnitten werde und gar niemand mehr ihre Produkte abnehme (aha).

Am nächsten Tag dann die Story mit den Hakenkreuzschmierereien an den Häusern, in denen Deutsche wohnen (oha!).

Schließlich als dramaturgischer Höhepunkt:  Mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns erzählt eine Büro-Kollegin, dass ihre Nachbarn gerade mit Auto in Griechenland unterwegs seien und trotz fester Buchung erst mit drei Tagen Verzögerung auf  die Fähre von Piräus gelassen wurden…offensichtlich wegen des falschen Kennzeichens (nein!!).

Ich rief dann Yannis vom Ticketbüro in Piräus an und erwähnte die jüngste Geschichte. Ein wenig versteckt hinter der Frage nach dem Fahrplan. Mit sonorer Stimme erwiderte er zunächst auf Englisch, dass da wohl jemand schlechte Witze mache, schließlich würden sie alle auf uns warten. Es blieb ein wenig undeutlich, ob er mit ,,alle“die Griechen in ihrer Gesamtheit oder vielleicht nur die vereinigten Angestellten privater Reisebüros meinte….egal. Yannis wechselte dann in ein fast akzentfreies Deutsch und empörte sich: ,,Wir sind doch nicht im Krieg!“

Auch das klang überzeugend, irgendwie.  Kurzum: wir bestellten die Tickets, reisten problemlos durch Griechenland und fühlen uns nun seit Wochen nur gut auf Ikaria.

Natürlich haben die Menschen heute mehr Sorgen als sonst und das geübte Auge kann manch krisenbedingte Veränderung beobachten.

Aber freundlich und herzlich gegenüber ihren Gästen sind die Ikarioten allemal und  wie eh und je.  Selbst zu den Deutschen. Nehmen wir zum Beispiel Petros, den pensionierten Kapitän aus Manganitis, der einem natürlich die zu Beginn jeder Plauderei obligatorische Frage stellt, wo man denn herkomme. Auf die Antwort Yermania tönt einem, verbunden mit einem Klapps auf die Schulter, ein kräftiges ,,Bravo“entgegen. Den Gedanken, dass mein persönlicher Einfluss auf die Auswahl meines Geburtslandes tatsächlich eher unbedeutend war, behielt ich für mich.

Nun schämt man sich ein bisschen, dass man sich hat verunsichern lassen und meine Frau und ich beschließen, es einfach niemanden weiterzusagen….

Ikaria, im Mai 2012

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Geschrieben von: Holger D. und Jutta W.

Wir fahren seit 20 Jahren nach Griechenland in den Urlaub, die letzten 12 Jahre nach Ikaria. Seit April 2012 verbringen wir eine mehrmonatige Auszeit vom Beruf in Gialiskari, Ikaria.

 

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2016-12-13T04:36:03+00:00 Juni 16th, 2012|3 Kommentare

3 Kommentare

  1. Lehmann Anita 18/06/2012 um 10:09 Uhr- Antworten

    En wonderschena sonniga Godda Morga,
    „auf Deutsch“ einen wunderschönen sonnigen Guten Morgen,

    genau heute vor einer Woche waren mein Mann und ich, unsere Freunde Peter und Ute, auf dem Weg von Armenistis Richtung Flughafen um nach 12 Tagen Ikaria wieder nach Hause zu fliegen.
    Als wir dann nach Ikaria, Athen und Münchner Flughafen und mit einer zweieinhalbstündigen Heimfahrt endlich nachts um 00.05 die Haustür aufschlossen, war es um 20 ° C kälter als auf Ikaria.
    Es war „saukalt“.
    Koffer abstellen, Heizung an, Bettflasche ins Bett und Fliespulli am besten gleich anbehalten.
    Ralf und ich hatten das Glück, bereits im letzten Jahr Holger und Jutta auf Ikaria kennenzulernen und ich finde es toll was die beiden sich getraut haben.
    Auf diesem Weg möchte ich nochmals an Jutta und Holger ein herzliches „Grüß Gott“ und „Vergeltsgott“ sagen für die Einladung zu Kaffee und Kuchen und das gemütliche Beisammensitzen mit Blick auf`s Meer und den Metaxa den es noch als „Nachtisch“ gab. (Hoppa)
    Ich, wir, sind bereits wieder bei der Arbeit und das Leben hier geht fleißig seinen gewohnten Weg.
    Unser Autenthalt auf Ikaria, Villa Dimitri, war mal wieder ein Traum von dem ich die nächsten Monate zehren werde. Der Ikariotiko dröhnt noch in meinen Ohren und meine Füßchen tanzen immer noch die Schritte die uns Ursula in „Recordzeit“ bei Irini beigebracht hat…
    Ich komm ins Schwärmen, ins Träumen, herzliche Grüße aus Deutschland nach Ikaria – ach übrigens – einén Daumen drück ich beim Fußballspiel für die Griechen und einen für die Deutschen – Entaxi – Anita

  2. Renate Müller 24/08/2012 um 20:20 Uhr- Antworten

    Wie schön zu lesen, dass es so viele Ikaria Fans gibt.
    Obwohl wir in diesem Jahr erst zum 2. Mal dort waren, lässt uns die Insel nicht mehr los.
    Wir haben Jutta und Holger an einem Abend mit Dimi und Helga in Nas getroffen und die beiden sehr sympathisch gefunden und natürlich auch ein bisschen beneidet.
    Wann finden die Tanzkurse von Ursula statt? Ich habe hier in Frankfurt schon einige griech.Tanzseminare gemacht, aber so etwas auf Ikaria zu machen wäre mein Traum.

    Herzliche Grüße an alle Ikaria Fans
    Renate

    • Ursula 25/08/2012 um 11:41 Uhr- Antworten

      Hallo Renate, die Daten der Tanzkurse findest du alle unter: Griechisch Tanzen
      Herzliche Grüsse aus Ikaria
      Ursula

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